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Dr. Thomas Gey
Friedrich II. - Aufstieg und Stagnation



Oberstudiendirektor a.D. Dr. phil. Thomas Gey war Schulleiter des Gymnasiums Steglitz.
Er beginnt seinen Vortrag anlässlich des 300. Geburtstages Friedrichs II. oder Friedrich des Großen mit einem persönlichen Erlebnis.
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Sehr verehrter Herr Präsident, liebe rotarische Freundinnen und Freunde,
Meine erste schallende Ohrfeige in der Schule erhielt ich als Zwölfjähriger von einem österreichischen Kommunisten, der nach dem Krieg als Lehrer in Sachsen hängengeblieben war. Statt Friedrich der Zweite hatte ich Friedrich der Große gesagt, und mir ist heute noch nicht klar, ob ich diese Ohrfeige bekommen habe, weil der Geschichtslehrer Österreicher oder weil er Kommunist war. Ich bitte Sie, es mir nachzusehen, wenn ich aus diesem kindlichen Trauma heraus beide Bezeichnungen gleichwertig nebeneinander verwende. Damit setze ich mich zwar dem Vorwurf der Indifferenz aus, entgehe aber gleichzeitig der Entscheidung, mich in einem der beiden ideologischen Lager zu positionieren, in die sich noch heute die intellektuelle Öffentlichkeit und die Wissenschaft spaltet, wenn es um die diskursive Beschäftigung mit Friedrich II. oder eben Friedrich dem Großen geht.
In unserem kollektiven Gedächtnis ist der Aufstieg Preußens untrennbar mit der Person Friedrichs verknüpft. In der Gestalt des Königs, in seinem Genie, seiner Tatkraft, Risikofreudigkeit und Skrupellosigkeit war der Erfolg des preußischen Staates personifiziert. Diese Personifizierung ist Preußen nach dem Tod des Königs 1786 nie wieder losgeworden, und auch über dem von Preußen geschaffenen neuen Deutschen Reich schwebte ab 1871 der Schatten Friedrichs als eine drohende mythische Gestalt. Für die beiden von Deutschland im 20. Jahrhundert ausgelösten Katastrophen wurde von den Siegermächten auch Friedrich II. haftbar gemacht, dessen Großmachtstreben und aggressive Expansionspolitik zur Vormachtstellung Preußens in Deutschland geführt und wie ein gefährlicher Virus den Volkscharakter aller Deutschen durchdrungen habe. Damit ließ sich gleichzeitig das Paradoxon erklären, wie sich im Land der Dichter und Denker ein derart verbrecherisches Regime wie das des Nationalsozialismus etablieren konnte, denn war nicht auch Friedrich zu seiner Zeit als Philosophenkönig europaweit gefeiert worden, der Toleranz, Humanität, Rechtssicherheit, geistige und religiöse Freiheit propagierte und gleichzeitig einen offenkundig völkerrechtswidrigen Eroberungskrieg vom Zaun brach, der fast ganz Europa in Mitleidenschaft gezogen hatte. Dass diese Auffassung auch im Deutschland der Nachkriegszeit in einer Art apologetischer Selbstbezichtigung Anhänger gewann, mag nicht verwundern, hat aber das Bild Preußens und Friedrichs des Großen unzulässig verzerrt.
Beide Extreme haben sich an Friedrich abgearbeitet und sich teilweise gegenseitig ad absurdum geführt. In den neueren Veröffentlichungen, die ich zur Kenntnis genommen habe, meine ich die Tendenz zu spüren, dem Preußenkönig so etwas wie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem er zunehmend als eine Gestalt betrachtet wird, die nur zu verstehen und zu beurteilen ist, wenn sie im zeitgebundenen Kontext der Epoche des Absolutismus gesehen wird. Viele spätere politische und geistige Verirrungen, die auf das Wirken Friedrichs II. zurückgeführt worden sind, wie Nationalismus, Imperialismus, Rassismus und der daraus resultierende Antisemitismus waren dem Denken Friedrichs und dem Denken des 18. Jahrhunderts vielfach fremd. Der Begriff der Nation spielte bei den politischen Entscheidungen der europäischen Kabinette des 17. und 18. Jahrhunderts noch kaum eine Rolle. Das Volk, das auf dem Territorium eines absolutistischen Staates lebte, war die Population, nicht die Nationalität. Böhmen, Österreicher, Franzosen werden in Preußen aufgenommen, weil das dünnbesiedelte Territorium peupliert werden muss, und da sind ausländische Zuzügler, welcher Couleur auch immer, hoch willkommen, zumal wenn sie gut ausgebildete Fachkräfte sind.
Und Selbstverständlichkeiten im gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und ökonomischen Denken und Handeln des beginnenden 18. Jahrhunderts erscheinen uns heute mitunter dermaßen befremdlich, dass wir Mühe haben, sie zu verstehen und nachzuvollziehen. Im Preußen des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. gab es allerdings einige Merkwürdigkeiten, die selbst den Zeitgenossen befremdlich erschienen.
Die Höfe in Dresden, Wien, Versailles reagierten mitunter irritiert auf einen König, dessen asketischer Puritanismus und provozierende Sparsamkeit mit ihren eigenen aufwändigen Inszenierungen der Macht so erkennbar kontrastierte. Die Reaktionen reichten von Unverständnis über Spott bis zu Verachtung. Was ist von einem König zu halten, der ein gewaltiges Heer unterhält, es aber nicht einsetzt. Das war nachgerade verdächtig. Aber dass hier durchaus christliche, vielleicht sogar moralphilosophische Prinzipien die Entscheidungen des Soldatenkönigs bestimmten, wird dem militaristischen Grobian bis heute nicht recht zugetraut. Wer bereit ist, seinen eigenen Sohn wegen versuchter Desertion hinrichten zu lassen und an dessen Freund ein demütigendes Exempel statuiert, stellt sich außerhalb der anerkannten höfischen Gepflogenheiten.
Von dem kindlichen Kampf eines begabten und sensiblen Jungen mit einem übermächtigen, jähzornigen Vater dringt aber zunächst nicht viel an die Öffentlichkeit. Der Vater erkennt mit Schrecken, dass dieses Kind, das sein Nachfolger werden soll, am Kriegspielen wenig Gefallen findet, bei Kanonen- und Musketenschüssen ängstlich zusammenzuckt und sich vom Schauspiel exakter Exerzierkunst nicht beeindrucken lässt.
Friedrich Wilhelm ist daran nicht ganz unschuldig, hat er dem Kronprinzen doch Präzeptoren beigegeben, die trotz der Mauligkeit und zeitweisen Faulheit ihres Zöglings dessen kreative Begabung und geistige Beweglichkeit früh erkennen und fördern. Mit dem précepteur Jaques Egide Duhan de Jandun und später mit dem Feldmarschall Albrecht Konrad Finck von Finckenstein und dem Oberst von Kalckstein erhielt der junge Friedrich Erzieher, die mit viel pädagogischem und diplomatischem Geschick bemüht waren, die immer offensichtlicher zu Tage tretenden Gereiztheiten und Spannungen zwischen Vater und Sohn abzumildern. Die Erziehungsziele, die von den Präzeptoren angestrebt werden sollten, entsprachen denen des europäischen Fürstenbildes des 17. Jahrhunderts, wie sie in den diversen Fürstenspiegeln niedergelegt waren. Auch Friedrich Wilhelm hatte für seinen ältesten Sohn Instruktionen verfasst und sich in manchen Formulierungen auf den Bildungskanon bezogen, dem er sich selbst hatte unterwerfen müssen. Ziel der Fürstenspiegel war es, den honnête homme herauszubilden, dessen Vorbild in der dominierenden französischen Adelskultur wurzelte. Der honnête homme ist ein Mann von Ehre, höflich und konsequent, der seinen Körper und Geist beherrscht, ein vollendeter Kavalier, rhetorisch gewandt, ein Mann, der stilsicher Kunst, Musik und Literatur zu beurteilen weiß, eine Mischung aus weltmännischer und tugendhafter Lebensart. Darüber hinaus kenntnisreich auf allen Gebieten der Staatskunst, vorzüglich im Bereich des Miltärwesens und der Finanzverwaltung, aber auch in Geschichte und Geographie. Der honnête homme indessen blieb dem Soldatenkönig zeitlebens verdächtig. Wie auch die französische Sprache. Sie war notwendig zur diplomatischen Verständigung, aber die Abneigung des Soldatenkönigs gegenüber allem Französischen erinnert an den alten Cato, der die zivilisatorischen und kulturellen Leistungen Griechenlands durchaus schätzte, aber mit der Unbeständigkeit, Unzuverlässigkeit und Verweichlichung der Griechen hart ins Gericht ging. Letztlich standen Friedrichs Erzieher auf verlorenem Posten. Den Machtkampf mit seinem Vater musste er als Kind und Heranwachsender allein ausfechten. Schon der Zehnjährige wird erschreckend deutlich erkannt haben, dass er auf sich allein gestellt war und von niemandem Hilfe zu erwarten hatte. Bei der Mutter fand er allenfalls Verständnis, möglicherweise auch Mitleid, in der älteren Schwester Wilhelmine eine Gleichgesinnte, aber ein seelisches Refugium blieb ihm verschlossen. Erst in Sanssouci wird er es sich selbst erschaffen. Aber bereits als Heranwachsender suchte er Zuflucht in der Literatur, in der Kunst und Musik. Eine Bibliothek von viertausend Bänden soll ihm zeitweise zur Verfügung gestanden haben, (in französischer Sprache, versteht sich) von denen der Vater angeblich nichts gewusst hatte. So konsequent kann die Überwachnung also nicht gewesen sein. Als Friedrich Wilhelm den Bücherschatz entdeckte, ließ er ihn sofort konfiszieren und verkaufen. Aber da hatten die Literatur und Poesie, die Werke antiker Schriftsteller mit ihren mythologischen und historischen Helden ihre Wirkung bereits getan. Friedrich hatte mit Alexander ein Weltreich erobert, mit Scipio Hannibal besiegt und mit Caesar Gallien erobert. Als Telemachos hatte er die griechische Mittelmeerwelt durchstreift, Odysseus, ja das war ein Vater! Aber das Reich der Phantasie konnte das systematische Lernen nicht ersetzen, er wird es später mit Feuereifer nachholen. Die provozierend langen Haare oder allzu modische Accessoires der Kleidung des Sohnes konnten vom Vater handgreiflich zurechtgestutzt, die Flöten zerbrochen werden. Er konnte ihn schlagen, einsperren, beleidigen und beschimpfen, aber er bekam die aufrührerischen Gedanken des renitenten Knaben nicht zu fassen. Er spürte, dass noch zwischen den Zeilen der unterwürfigsten Briefe, die der Sohn an den Vater richtete, der Widerstand lauerte. Die versteckte Ironie, die verholenen spöttischen Blicke des pubertierenden Friedrich müssen den Vater bis zur Weißglut gereizt haben. Nur so ist der Wutausbruch Friedrich Wilhelms zu erklären, in dem er seinem Sohn ins Gesicht schrie, dass er sich längst totgeschossen hätte, wäre er so behandelt worden.
In diesem Kampf wird eine erste selbstzerstörerische Lust am Risiko sichtbar, das in dem Fluchtversuch von 1730 kulminiert. Es ist eine gewagte These, aber nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen, dass Friedrich das Scheitern seiner Flucht genial selbst inszeniert hatte als eine Art Befreiungsschlag, mit dem er in Europa tatsächlich mit einem Schlage bekannt wurde. Der achtzehnjährige Kronprinz hatte damit das Heft des Handelns in die Hand genommen und trotz Festungshaft Freiheit gewonnen und den Vater zu Reaktionen gezwungen, die jetzt in ganz Europa Aufsehen erregten.
Friedrich hatte sich in diesem Kampf selbst gefunden. Dass sein Freund Katte dabei den Kopf verlor, machte aus der Inszenierung eine Tragödie. Aber Friedrich war überzeugt davon, etwas ganz Besonderes zu sein, etwas Außergewöhnliches. Der Geniekult des Sturm und Drang wird zwar erst eine Generation später das deutsche Geistesleben erfassen, und es wird an dem preußischen König fast unerkannt vorübergehen. Aber die gedanklichen Kräfte der Aufklärung bündelten sich bereits zu Beginn und gegen Mitte des Jahrhunderts in einzelnen herausragenden Geistesgrößen, denen fast kultische Verehrung zuteil wurde. Der Rationalismus strebte nach universalem enzyklopädischem Wissen und suchte seinen ethischen Halt nicht mehr im christlichen Dogma, sondern in der Kraft der Vernunft. In den Jahren auf der Festung Küstrin, in Ruppin und in Rheinsberg wird sich dem preußischen Kronprinzen diese neue geistige Welt erschließen, an der er nicht nur teilnehmen, sondern die er maßgeblich mitgestalten will. In wenigen Jahren eignet er sich Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten an, die nicht nur seine unmittelbare Umgebung in Erstaunen versetzen. Friedrich verschlingt die Werke der französischen Klassiker, die für ihn zeitlebens literarische und sprachliche Vorbilder bleiben werden. Er liest die antiken Autoren, natürlich in französischer Übersetzung, Cicero, Ceasar, Suetonius, Sallust, Tacitus, denn wenn er die zynische Argumentation Machiavellis verstehen wollte, musste er das antike historische Personaltableau genauestens kennen. Aber vor allem Voltaires grandioses Werk über den Schwedenkönig Karl XII., dessen Tod noch keine zwanzig Jahre zurücklag, wird für ihn zu einem Schlüsselerlebnis. Die leidenschaftliche Konsequenz, mit der der Schwedenkönig seine machtpolitischen Ziele verfolgte, seine entsagungsvolle Distanz zu Frauen und allen Arten von Ausschweifungen, seine überragenden strategischen Fähigkeiten, zahlenmäßig weit überlegene Gegner zu schlagen, seine charismatische Führungspersönlichkeit wurde für Friedrich zum Idol, dem er nachzueifern trachtete. Und auch im Scheitern hatte der schwedische König Größe gezeigt. Größe und unsterblichen Ruhm zu erringen, wie Karl XII., Alexander und Caesar, Scipio und Pompeius war nur im Krieg möglich. Diese Erkenntnis verfestigte sich in Friedrich unaufhaltsam, nur dass Preußen kein makedonisches Großreich und kein Imperium Romanum war, sondern eine randständige europäische Mittelmacht mit einem unübersichtlichen Territorium, aber sehr übersichtlichen Ressourcen. Aber das ließe sich zu gegebener Zeit ändern.
Seine vom Vater angeordneten militärischen und strategischen Übungen mit seinem Regiment unter Anleitung des Oberstleutnants Kaspar Ludwig von Bredow sind ihm „lästig“, er möchte diese Lehrzeit am liebsten überspringen und sich ins Kriegsgetümmel stürzen.
Vater und Sohn hatten sich am Ende gegenseitig durchschaut, und das, was sie schließlich in ihrem jeweiligen Gegenüber zu sehen glaubten, war weniger schrecklich, als sie es noch vor Jahren gedacht hatten. Auf beiden Seiten blieben tiefes Misstrauen und ein gerüttelt Maß an Heuchelei. Friedrich Wilhelm I. hatte eingesehen, dass er seinen Sohn weder zerbrechen noch nach seinem Bilde formen konnte, aber er hatte ihn zur Raison gebracht. Die Unbeugsamkeit des Sohnes muss dem Vater ebenso imponiert haben wie dessen Begabungen und Talente, die ihm versagt geblieben waren, zu denen er selbst keinen intellektuellen Zugang gefunden hatte und die seinem Sohn inzwischen europaweit Anerkennung und Bewunderung eingetragen hatten. Und der Kronprinz hatte eingesehen, dass die Mischung aus asketischem Puritanismus und bedingunsgloser Pflichterfüllung Tugenden eines Herrschers waren, die er an seinem Vater bewunderte und die sich selbst aufzuerlegen er fest entschlossen war. Der Soldatenkönig ahnte, dass sein Nachfolger Wege gehen würde, die zu beschreiten er nie gewagt hätte.
Aber zunächst will Friedrich als intellektuelle Größe wahrgenommen werden. Dazu muss er sich mit den herausragenden Denkern der Zeit messen, und das sind die Geistesgrößen der französischen Gelehrtenrepublik. Voltaire gilt in den dreißiger Jahren als der König der Philosophen, und wenn Friedrich als philosophischer König bekannt werden wollte, dann brauchte er den Franzosen und dessen schriftstellerischen Ruhm. Beide konnten sich im Glanz ihres jeweiligen Standes sonnen und ihre Popularität steigern. Ein junger Kronprinz und König, der den Rat eines Philosophen und Schöngeistes suchte, um sich zu einem idealen Monarchen heranzubilden, versetzte die Geisteswelt in Entzücken und hinterließ gleichzeitig eine Spur von Misstrauen und Ratlosigkeit in den Kabinetten der europäischen Fürstenhäuser. Friedrich weiß um seine Begabungen und Talente. Seine Virtuosität auf der modernen französischen Querflöte, seine musikalischen Kompositionen erregen ebenso Bewunderung wie die schrifstellerischen Versuche in Poesie, Philosophie und Geschichte. Sein „Antimachiavell“ von 1739 ist der erste in Zusammenarbeit mit Voltaire entstandene sprachlich elegante Entwurf seines aufklärerischen und politisch-historischen Denkens, das die Tugenden eines aufgeklärten Fürsten definiert und sie dem zynischen, gewalttätigen Umgang eines Despoten mit der Macht entgegensetzt. In einer vernünftigen Staatsordnung hat der Fürst die Pflicht, dem Allgemeinwohl zu dienen. Die Gewährung von Freiheit und Rechtstaatlichkeit sind Voraussetzungen eines Gesellschaftsvertrages, der die Stellung des Souveräns legitimiert und ihm die innere Zustimmung der Untertanen sichert. „Ein armer Unglücklicher, schreibt Friedrich, kann wohl mit Gewalt dazu gebracht werden, eine bestimmte Formel herzubeten, er kann ihr aber die innere Zustimmung versagen. Auf diese Weise hat der Verfolger gar nichts erreicht.“ Die innere Verfassung eines Staates müsse auf rechtlicher und persönlicher Freiheit des Einzelnen beruhen, den Zusammenhalt des Staatswesens nach innen und nach außen zu bewahren, war Pflicht des Souveräns. Das blieb die Grundüberzeugung Friedrichs des Großen bis zum Schluss. Und die von ihm geführten Angriffskriege stehen dazu nicht im Widerspruch. Die innere Zustimmung, die der König vor allem nach dem Siebenjährigen Krieg in Preußen gefunden und die in der Bevölkerung zu einer überraschend nationalen preußischen Identität geführt hatte, blieb Friedrich d. Gr. allerdings bis zuletzt suspekt.
Im Jahr 1740 beim Tode des Soldatenkönigs war das Haus Brandenburg bestellt, jetzt konnte gehandelt werden. Im gleichen Jahr war Kaiser Karl VI. gestorben, der bereits Jahre vorher mit viel diplomatischem Aufwand im Reich und bei einigen europäischen Mächten die Pragmatische Sanktion hatte anerkennen lassen, die die weibliche Nachfolge im Hause Habsburg sichern sollte. Auch König Friedrich Wilhelm I. von Preußen hatte dieser Regelung 1728 zugestimmt. Aber jetzt, als Maria Theresia, die älteste Tochter Karls VI., die Herrschaft antrat, war die Pragmatische Sanktion nicht das Papier wert, auf das sie geschrieben war. Wer in Europa und im Reich auch nur den Anschein irgendeines Rechts besaß, und dieser ließ sich im Zweifel schnell konstruieren, fiel über Maria Theresia her. Die drei Schlesischen Kriege sind Teile des großen Österreichischen Erbfolgekrieges, der jetzt ganz Europa überziehen sollte. Friedrich war der erste, der losschlug, und auch Frankreich, Bayern und Sachsen nutzten jetzt die Schwäche Habsburgs gnadenlos aus. Seit dem späten Mittelalter hatten unklare Erbschaftsverhältnisse beim Tod eines Herrschers immer wieder neue Machtkonstellationen und Koalitionen zu Versuchungen geführt, sich auf Kosten anderer, vermeintlich schwächerer Nachbarn territoriale Gewinne zu verschaffen (der Jülisch-Klevische Erbfolgekrieg, der Pfälzische-, Spanische- und Polnische Erbfolgekrieg ebenso wie der Nordische Krieg). Friedrichs aggressives Eingreifen, um sich in den Besitz Schlesiens zu setzen, verwunderte deshalb nicht, vor allem nicht die Zeitgenossen, die nur höchst erstaunt darüber waren, dass der Verfasser des „Antimachiavell“ nun genau diejenigen moralischen Maximen über den Haufen warf, die er soeben feierlich beschworen hatte. Aber ein voller Staatsschatz, 80.000 hervorragend ausgebildete Soldaten, die nicht erst einberufen werden mussten, sondern sofort losschlagen konnten, fähige Generäle und Offiziere waren Argumente, die ein tatendurstiger junger König nicht ignorieren konnte und es vor allem nicht wollte. Ich verzichte darauf, die Abfolge der Schlachten der drei Schlesischen Kriege von Mollwitz bis Kunersdorf aufzulisten. Die Hälfte wurde gewonnen, die Hälfte verloren. Mit dem Frieden von Hubertusburg war alles gewonnen.
Dass große Männer und Frauen den Verlauf der Geschichte bestimmen, ist eine Binsenweisheit, dass sie es nicht allein können auch.
Wer baute das siebentorige Theben In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer Siegte außer ihm? fragt Brecht.
Ohne den alten Dessauer und die Generäle, die zu Füßen des reitenden Königs Unter den Linden in Bronze gegossen sind, ohne das Offizierscorps des preußischen Adels, ohne die Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit der brandenburg-preußischen Bevölkerung, ohne seine Brüder August Wilhelm und vor allem Heinrich, war der Aufstieg Preußens undenkbar.
Über die Ursachen von Macht und Größe haben bereits die Historiker der Antike spekuliert, vor allem dann, wenn der Aufstieg zu Macht und Größe sich dermaßen staunenswert vollzog, dass es menschliche Vorstellungskraft überstieg und ans Wunderbare zu grenzen schien. Wie konnte es geschehen, dass ein kleiner Flecken am Tiber die Welt eroberte oder des Heiligen Römischen Reichs Streusandbüchse sich zu einer veritablen Beinahegroßmacht entwickelte, der es gelang, die drei Großmächte Frankreich, Österreich und Russland so lange zu zermürben, bis ihnen der Atem ausging. Die Antike beschwor den Mythos, in dem die Gunst der Götter sichtbar wurde, und auch in der Welt des 18. Jahrhunderts war es das Mirakel des Hauses Brandenburg, das zur Erklärung seines wundersamen Aufstiegs herhalten musste.
Friedrich der Große kannte die antike und zeitgenössische Diskussion über die Ursachen der Größe Roms: Es war der unbedingte Wille zur Macht, und dieser Wille, davon war Friedrich durchdrungen, manifestierte sich in seiner Person. Dieser Machtwille forderte nicht allein das Wagnis mit ungewissem Ausgang, wie es Caesar mit dem Überschreiten des Rubikon eingegangen war, sondern steigerte sich im Angesicht des drohenden Scheiterns zu einem mirakulösen Überlebenswillen.
Friedrich II. wird den eigenen Aufstieg und den seines Landes verklären, indem er ihn selbst beschreibt. Ziel seiner historischen Schriften war es, die Deutungshoheit über seine Erfolge und den damit verbundenen „Aufstieg Preußens“, vor allem aber auch über die Niederlagen und Misserfolge nicht zu verlieren. Mit dem selbstdeutenden Blick auf die historischen Abläufe und die jeweilige Zeitgeschichte wird nicht nur die Geschichte beeinflusst, sondern auch die Politik der Gegenwart. Das hatte Tradition. Schon in der Antike war die Historiographie die unbestritten wichtigste literarische Ausdrucksform des Schriftstellers, Dichters und Politikers, wie ein Blick auf Livius, Tacitus, Nepos, Sallust und Cato zeigen. In dieser Tradition wollte sich auch Friedrich sehen. Und die verklärenden schriftstellerischen Darstellungen seiner eigenen Größe taten ihre Wirkung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein.
In den zehn Jahren zwischen dem Frieden von Dresden und dem renversement des alliances 1755 wurden Sanssouci und der Hof Friedrichs d. Gr. zu einer Gelehrtenrepublik und zu einem kulturellen und künstlerischen Zentrum, das auch in anderen europäischen Ländern bewundernd zur Kenntnis genommen wird. Musiker, Schauspieler, Sänger, Bildhauer (Jean-Baptiste Pigalle, Lambert-Sigisbert Adam), Maler, Architekten, Wissenschaftler, die besten Europas, werden nach Berlin und Potsdam eingeladen. Im Mittelpunkt steht der preußische König, und er ist nicht nur majestätischer Zuhörer oder Zuschauer wie die Monarchen der meisten anderen Höfe Europas, sondern er ist selbst anerkannter Akteur als Komponist, Virtuose, Schriftsteller und Philosoph.
Aber dieser Musenhof wirkt dennoch wie isoliert, wie ein Stück Frankreich im Sande Brandenburgs. Das friderizianische Rokoko scheint sich in die letzte gemeineuropäische Kunstepoche des verspielten Barock einzufügen und weist dennoch in eine frühere zurück. Friedrichs Bewunderung gilt der französischen Klassik des Zeitalters Ludwigs XIV., das Voltaire so glanzvoll dargestellt hatte. Aber die geistige Kraft und Tiefe eines Corneille und Racine waren in einem galanten Zeitalter ebenso wenig zu konservieren wie die kühle Architektur eines Le Veau, Bruant oder Mansart. Viele der neuen kulturellen Strömungen, die sich in Frankreich Bahn brachen, nimmt Friedrich nicht mehr zur Kenntnis. Diderot ebensowenig wie Rousseau. Sein geistiger Anker in der französischen Kultur bleibt Voltaire.
Auch in Politik und Gesellschaft setzt Friedrich II. nach dem Siebenjährigen Krieg kaum noch zukunftsweisende Impulse. Maßnahmen wie Abschaffung der Folter, Selbstständigkeit der Justiz, religiöse Toleranz waren gleich zu Beginn seiner Herrschaft erfolgt.
Der König als erster Diener seines Staates war keineswegs eine Erfindung Friedrichs des Großen. Die Mühsal und Knechtschaft, die einem Monarchen auferlegt sei, hatte ihm bereits der Vater eingebleut. Die staatsphilosophischen Abhandlungen Samuel von Pufendorfs, Wolfs, Bossuets u.a., die Friedrich genau studiert hatte, sprachen von der dienenden Verantwortung des Monarchen, wenn dieser denn wirklich die Wohlfahrt des Staates zum Daseinszweck des Herrschers erklärte. Friedrich der Große verkörperte dieses Beispiel vor allem in den Wiederaufbaujahren nach dem Siebenjährigen Krieg wie kein Zweiter, aber er erstarrte in dieser Pose bis zur Karikatur als Alter Fritz, dessen abgeschabter Uniformrock mit den Flecken spanischen Schnupftabaks zur Metapher asketischer, stoischer Bedürfnislosigkeit gerann. Er werde Marc Aurel immer ähnlicher schrieb ihm Voltaire 1778 kurz vor seinem Tod.
Dass Friedrich d. Gr. in seinen letzten Jahren der Kult um seine Person zutiefst zuwider war, wird als Ausdruck dieses Stoizismus gedeutet, und je nach Sichtweise zum Teil auch als Menschenverachtung, aber es steckte wohl eher ein gewisses resignatives Ruhebdürfnis in dieser Haltung, die ihn zu den Selbstbetrachtungen Marc Aurels greifen ließ, Trost im Leiden zu finden. Die vielen hunderttausend Toten seiner Kriege und die verwundeten, verstümmelten Soldaten auf den Schlachtfeldern werden mitunter auch Friedrich II. die Ruhe genommen haben.
Und während der Alte Fritz in Sanssouci einsam sein Ende und das Ende des Ancien Régime erwartete, kündigte sich das bürgerliche Zeitalter an, dem sich ja auch Friedrich keineswegs verschlossen hatte. Das Forum Fridericianum, der heutige Bebelplatz, ist von einem abstrakten Autoritätsverständnis gestaltet worden, das der friderizianischen Aufklärung eigentümlich war. Eines der ersten Vorhaben Friedrichs war der Bau des Opernhauses unter den Linden, das mit 2000 Plätzen das größte Theater des damaligen Europa war. Aber es war eben kein integrativer Bestandteil des königlichen Schlosses, wie sonst üblich, und es bewies damit nachdrücklich, dass es kein Hoftheater, sondern in sehr sinnfälliger Weise Ausdruck des öffentlichen kulturellen Auftrags des Staates war, verkörpert durch die Person des Königs als dessen erstem Diener. Denselben kulturellen Anspruch erhob die Königliche Bibliothek, die das friderizianische Forum nach Westen hin begrenzt. In dieses architektonische Prinzip fügt sich auch die katholische St. Hedwigskathedrale ein, die mit Kuppel und Portikus das römische Pantheon zitiert und in der stockprotestantischen Mitte Berlins ein auffälliges Zeichen von bürgernaher Toleranz setzt. Indem Friedrich darauf verzichtete, das Ensemble dieses Platzes mit dem Bau eines königlichen Schlosses zu krönen (was geplant war) und damit auf die Person des Monarchen auszurichten, wurde das Forum Fridericianum in Berlin zu einem Residenzplatz ohne Residenz (Clark, S. 287), so dass sich die dynastische Repräsentation von der repräsentativen Architektur des preußischen Staates und der preußischen Hauptstadt löste, obwohl die Gestalt Friedrichs wie im ganzen Land so auch hier stets präsent war und keinen Zweifel daran ließ, wer für diese repräsentative Anlage verantwortlich und wem sie zu verdanken war.
Das bürgerliche Zeitalter hatte längst begonnen, im ganzen Land, nicht nur in Berlin, aber als ersten Bürger seines Staates wollte sich Friedrich keinesfalls begreifen. Das bürgerliche Trauerspiel, den „Werther“ oder „Minna von Barnhelm“ nahm er sowenig zur Kenntnis wie die gesamte deutsche Literatur der Aufklärung, der Empfindsamkeit, des Sturm und Drang und der beginnenden deutschen Klassik. Der Beifall für Schillers „Räuber“ drang nicht bis ans Ohr des preußischen Königs. Und doch entfalteten sich im freiheitlichen Geist des friderzianischen Preußen die reformatorischen Kräfte, die dem Land nach der Schlacht von Jena und Auerstädt ein neues Profil geben werden. Den Kategorischen Imperativ des Philosophen aus Königsberg werden die Schöns und Schrötters, die Steins und Hardenbergs dem Philosophen von Sanssouci entgegensetzen.
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Mittwoch, 25. Januar 2012/JO
Letzte Änderung: 25.01.12/JO
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